Die grüne Revolution

Wiesbadener Kurier vom 27.04.2019
Vier Tore, kleine Felder, Mini-Teams: der DFB krempelt den Nachwuchsfußball um und erhofft sich davon Großes. Teile der Basis wehren sich aber – noch.

Von Nils Salecker

In Orlen im Taunus da spielen sie schon: die Zukunft des deutschen Fußballs. In einer kleinen Ecke des Kunstrasens. Drei gegen Drei, auf vier Tore, im kleinen Feld. Ohne Torwart. Parallel, auf einem hinteren Teil des Platzes verharrt der Fußball hingegen noch in der Gegenwart. Das Kontrastprogramm: 14 Kids scharen sich im Pulk um den Ball. Das klassische Sieben-gegen-Sieben auf zwei große Tore. Geht es nach dem Deutschen Fußball-Bund, wird es für die Kleinsten alsbald abgeschafft. Der DFB konzipiert den Kinderfußball neu. Eine Revolution. Wie der „Kicker“ berichtet, will der Verband den Spielbetrieb komplett umkrempeln. Hin zu einer Form, die viele Funino nennen – „kleiner Spaß“.

Denkbar sind sukzessive Steigerungen vom Zwei-gegen-Zwei bei den Bambini hin zum Sieben-gegen-Sieben in höheren Jugenden. In den niedrigsten Altersklassen soll an Wochenenden in Turnierform gespielt werden, auf Kleinfeldern, parallel nebeneinander. Erst später in Ligen – so wie bislang.

Warum aber das ganze Bohei? Zum einen will der DFB den Spaßfaktor erhöhen. Der Verband hat gemerkt: Ihm laufen die jungen Fußballer davon. Gerade in höheren Altersklassen hören zunehmend Kicker auf. Einen Grund dafür hat der DFB in der wenig kindgerechten Grundausbildung ausgemacht. „Im Sieben-gegen-Sieben hast du wenige, die oft den Ball haben und viele, die nie angespielt werden“, sagt der Orlener F-Jugend-Trainer Lais Franzen. Nur wenige haben Spaß.

Sieben-gegen-Sieben ist Lustkiller

„Man muss kein Mathe-Genie sein, um auszurechnen, wie viele Jungs über die Wupper gehen, weil sie den Ball nie gesehen haben“, erläuterte jüngst DFB-Junioren-Cheftrainer Meikel Schönweitz gegenüber dieser Zeitung. Hier kann Funino helfen. Das Konzept stammt aus der Feder des mittlerweile verstorbenen Fußball-Gurus Horst Wein und wird seit mehreren Jahren vom Erlangener Professor Matthias Lochmann vorangetrieben. Lais Franzen lernte die Kleinfeld-Idee erstmals vor vier Jahren bei einem Kinder-Turnier des VfL Wolfsburg kennen. Seitdem ist er im Funino-Fieber. Kein Wunder: Auf dem Kleinfeld kommen erwiesenermaßen alle häufiger zum Zug, selbst die Schwächeren. Der Spaßfaktor steigt. In Taunusstein-Orlen wird Funino seit drei Jahren praktiziert. Im Trainingsspiel: ein ständiges Hin und Her. Unzählige Richtungswechsel. Es geht rasant von links nach rechts, von rechts nach links. Auf und ab. Ab und auf. Ohne Pause. Viele Tore, kein Gebolze. Die F-Jugend der SG Orlen hat sichtlich Spaß.

Zum anderen will der DFB mit der internationalen Konkurrenz mithalten, die schon längst neue Spielformen praktiziert. „Belgien fängt in der F-Jugend mit Zwei gegen Zwei an, in der E-Jugend mit Drei gegen Drei, ab der D mit Fünf gegen Fünf und so weiter“, weiß Schönweitz. Belgien, die Niederlande oder auch England bringen mittlerweile deutlich mehr Talente hervor als Deutschland – weil sie ihre Ausbildung verändert haben. Jene Nationen drohen, die Bundesrepublik abzuhängen. Gerade an Kickern, denen auf engem Raum, unter Bedrängnis, nahezu immer etwas einfällt, mangelt es derzeit in Deutschland. Da sind sich die Experten einig. Typen wie Nationalspieler Marco Reus, die auf nahezu jede brenzlige Situation eine Antwort parat haben. „Es gibt immer weniger Spieler, die Entscheidungen treffen können“, moniert beispielsweise Thomas Krücken. Der Junioren-Chefcoach von Mainz 05 ist klarer Befürworter des DFB-Kleinfeldkonzepts. Auch Bundesliga-Trainer wie Julian Nagelsmann (Hoffenheim) oder Sandro Schwarz (Mainz 05) haben sich schon dafür ausgesprochen. „Das sind kleine Änderungen, die große Auswirkungen haben“, sagt Krücken, „die Ideen sind seit Jahren bei uns so verankert.“

Es geht um Spielintelligenz, auch die Begriffe Kreativität, Lösungsfindung, Raumgefühl und Entscheidungsfähigkeit fallen öfter. Was tun? Wohin mit dem Ball? Wohin mit mir auf dem Feld? Bei vier Toren und nur zwei Mitspielern, stellen sich diese Fragen für jeden auf dem Feld zwangsläufig häufiger. Die Landauer Sportwissenschaftlerin Prof. Dr. Silke Sinning sagt: „Das kommt dem ein Stück weit näher, was früher mal Straßenfußball war.“ Der in Struktur gegossene Bolzplatzkick also. In Fachkreisen stößt das auf große Zustimmung. „Es spricht inhaltlich sehr viel dafür“, unterstreicht Sinning. Und auch in Orlen haben sie gemerkt, dass das fruchtet. „In der Breite sind wir stärker geworden. Wir haben keine absoluten Nichtskönner mehr“, berichtet SG-Jugendleiter Kai Mucke.

Zu allen an der Basis sind solche Erkenntnisse allerdings bei Weitem noch nicht durchgedrungen. Das zeigt sich vor allem in Bayern. Hier greifen Neuerungen, die den DFB-Plänen sehr stark ähneln, definitiv ab diesem Sommer – und zwar verpflichtend für alle. Unter bayrischen Vereinen hat das für einen Aufschrei gesorgt. Vor allem die kleineren Klubs fragen sich: Wie sollen wir das bewerkstelligen? Die größten Bedenken sind finanzieller Natur. Neue Tore müssen angeschafft werden. Andere sorgen sich um fehlendes Know-how. Nicht selten betreuen Eltern ohne Trainerausbildung die Kleinsten. Funino ist für sie Fremdwort. Ein weiterer Vorwand: Kleinfeldfußball habe mit dem „richtigen Fußball“ nichts mehr gemein.

Das eine ist allerdings essenzieller Baustein für das andere, hält Uwe Brinkmann letzterem Argument entgegen: „Warum den zweiten und dritten Schritt vor dem ersten machen?“ Brinkmann kennt die Vorbehalte. Und er kennt den Funino-Vordenker Professor Lochmann aus gemeinsamen Tagen im NLZ von Mainz 05.

Pilotprojekt im Fußballkreis Mainz-Bingen testet Turnierformen

Seitdem ist auch Brinkmann Anhänger der Kleinfeld-Idee und initiierte jüngst ein Pilotprojekt im Fußball-Kreis Mainz-Bingen mit, das in Kooperation mit Mainz 05 durchgeführt wird. Bei Workshops, die er für Jugendleiter und Trainer zum Thema „Die Zukunft des Kinderfußballs“ abhält, begegnet er auch Skeptikern. Nicht jeder müsse sich für Kleinfeld-Turniere eine Unmenge an Toren anschaffen, entkräftet er Bedenken. „Die Teilnehmer können ihre eigenen Tore mitbringen.“ Und auch für Trainer und Betreuer liege die Latte gar nicht so hoch. Wie alle Funino-Fans macht er klar: Das ist kein Hexenwerk. Das Problem sieht Brinkmann dafür anderswo: „Es wird zu ergebnisorientiert gedacht.“ Der Erfolg sei einigen Trainern wichtiger als die Entwicklung der Kleinen. Und da bleibt die „kindgerechte Ausbildung“ unweigerlich auf der Strecke. In Mainz-Bingen wirbt Brinkmann deshalb um Akzeptanz für das neue Modell. Noch bis Sommer wird der Fußballkreis hier drei Türniere ausrichten. Auf acht Feldern mit jeweils vier Toren. Ausprobieren ist das Credo. Auch zwischen Spieltagen der nächsten Saison sollen Turniere stattfinden. Eine solche „Mischform“ zum Einstieg wünscht sich Orlens Jugendleiter Mucke auch in Hessen: „Das würde die Akzeptanz erhöhen.“

Wo der Weg konkret hinführt, wird noch verhandelt. Am 21. Juni zurrt das DFB-Präsidium die neue Jugendordnung fest. Ab Juli sollen die Landesverbände die Ideen umsetzen. Wie genau sie dies tun wollen, ist noch offen. Sowohl der Hessische als auch der Südwestdeutsche Fußballverband teilen auf Anfrage mit, sich derzeit intensiv mit den Plänen des DFB auseinanderzusetzen – ergebnisoffen.

Sicher scheint: An der Revolution im Kinderfußball führt kein Weg vorbei. Fraglich bleibt, wie schnell sie vonstattengehen soll. Eine „Zwangsjacke“ für die Vereine wird es nicht geben, betonte zuletzt DFB-Junioren-Vizepräsident Dr. Hans-Dieter Drewitz zumindest. Klar ist zudem: Die Revolution des Kinderfußballs wird auch eine des großen Fußballs sein. „Je großer die Masse ist, die ich damit erreiche, desto größer ist auch die Wahrscheinlichkeit, dass in der Spitze die Qualität steigt“, verdeutlicht 05-Junioren-Cheftrainer Krücken. Nicht auszuschließen, dass sich einer jener Spitzenkicker schon heute auf dem Kleinfeld in Orlen tummelt.

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