Alles auf den Kopf stellen

Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung vom 25.09.2022
Sport spielt in der Erziehung eine Nebenrolle. Die dritte Schulstunde wird gern geopfert. Kooperationen mit Vereinen könnten beiden Partnern helfen.
Von Daniel Meuren

Die Zehnjährige wechselt in eine weiterführende Schule. Sie hat sich für bilingualen Unterricht entschieden. Das bringt einen gewissen Mehraufwand mit sich: wöchentlich zwei zusätzliche Unterrichtsstunden in Englisch. Um die Stundenzahl freilich nicht allzu sehr in die Höhe zu treiben, wird eine Stunde aus dem restlichen Programm gestrichen. Es ist natürlich die dritte Sportstunde, die dem Streichprogramm zum Opfer fällt. Fast immer ist es in den Schulen die Sportstunde, die als Erstes dran glauben muss. In vielen Frankfurter Grundschulen gibt es derweil strukturelle Defizite bei den Leibesübungen: Turnhallen und Schulschwimmbäder sind marode oder gar nicht vorhanden, lange Wege, beispielsweise von einer Schule im Westen zu den Sportstätten im Stadtteil Rödelheim, führen dazu, dass die Doppelsportstunde auf weniger als eine Dreiviertstunde reiner Bewegungszeit schrumpft. Da kann selbst der engagierteste Sportlehrer, der selbstredend auch nicht der Standard ist, kaum noch etwas retten.

Gerade nach den bewegungsarmen Jahren der Pandemie ist es umso bedauerlicher, dass sich an der Situation im Sportunterricht kaum etwas ändert. Es gibt pragmatische Gründe dafür: Der Lehrermangel wirkt sich auf den Sportunterricht gleich doppelt negativ aus. Zum einen fehlen Sportlehrer. Zum anderen hat der Mangel in anderen Fächern die Konsequenz, dass Sportlehrer meist mehr in ihrem Zweitfach eingesetzt werden, weil dort Lücken zu füllen sind. Besonders an Grundschulen führt zudem das Defizit an nötigen Kenntnissen beispielsweise für das Erteilen von Schwimmunterricht dazu, dass dieser wichtige Teil der sportlichen Grundausbildung sträflich vernachlässigt wird. Und wenn Sportunterricht tatsächlich stattfindet, wird allzu oft einfach Brennball gespielt, statt motorisch anspruchsvollere Übungen anzugehen.

Im Unterricht wird derweil durch die Aufforderung „Bleib mal ruhig sitzen“ auch noch der Rest des natürlichen Bewegungsdrangs abtrainiert. Dabei ist, wie alle Untersuchungen bestätigen, Bewegung förderlich für die Lernfähigkeit, für die allgemeine Gesundheit, die Psyche, das Selbstwertgefühl, die Stressresistenz. Immer weniger Kinder aber können heute noch einen Handstand oder auf andere Weise die Welt einmal verkehrt herum betrachten. Wenn schon Kinder immer weniger Überschläge und Kunststücke an Barren oder Ringen beherrschen, dass ist es vielleicht umso mehr an der Zeit, die gesamte Idee des Schulsports auf den Kopf zu stellen. In Diskussionen wird dabei meist kundig oder weniger kundig in die USA geblickt, wo der Sport an den Schulen einen enormen Stellenwert genießt. Gespeist wird das durch hochattraktive Möglichkeiten, über Disziplinen wie American Football, Basketball, Leichtathletik oder Turnen bis hin zu Tennis, Fußball oder auch Ringen Stipendien zu ergattern, die den Bildungsweg finanzieren und im Lebenslauf
nicht nur Chancen auf dem Weg zu einer Profikarriere im Sport eröffnen. Das System ist freilich nahezu inkompatibel mit dem deutschen: Hierzulande ist der Sport seit jeher über die Vereine gewachsen. Das amerikanische Modell ist nach Ansicht von Experten nicht übertragbar.
Umso spannender ist ein Gedankenansatz, den Roland Frischkom, Vorsitzender des Sportkreises Frankfurt, verfolgt. Er will nicht nach Amerika schauen, sondern verweist auf ein deutsches Unterrichtsmodell. So wie im Religionsunterricht die Kirchen als Partner Lehrkräfte stellen, wenn etwa Pfarrer am Vormittag in der Schule unterrichten, ehe sie am Nachmittag ihren seelsorgerischen Aufgaben nachgehen, könnten hauptamtliche Trainer aus den Vereinen vormittags in die Schulen gehen, ehe sie nachmittags und abends in den Vereinen arbeiten, wenn dort der Trainingsbetrieb läuft.

Von dem Modell könnten beide Seiten profitieren: Den Schulen wäre eine Last genommen bei der Organisation von Sportunterricht und der Suche nach Sportlehrern. Zudem wäre fachlich spezialisierter Unterricht möglich durch Trainer, die auf dem neusten Stand der Lehre in ihren Disziplinen sind. Die Vereine hätten im Gegenzug neue Möglichkeiten, Trainer professionell an sich zu binden, weil sie durch den vom Land bezahlten Lehrauftrag finanzielle Spielräume gewönnen. Der Leistungssport würde zudem profitieren, weÜ er Talente in den jeweiligen Sportarten sichten könnte. Das Modell könnte also dazu beitragen, dass Deutschland den großen Rückstand im internationalen Vergleich, der vor allem in den olympischen Kemsportarten wie Leichtathletik oder Schwimmen nicht mehr zu vertuschen ist, verkleinern könnte.

Johannes Hermann, als Lehrer-Trainer für Tischtennis und Koordinator am Schulsport-zentrum Carl-von-Weinberg-Schule in Frankfurt ein Experte für die Möglichkeiten der Vernetzung von Schule und Sport, spricht sich sogar für eine noch frühere Unterstützung der Kindererziehung aus. Schon im Kindergarten könnten Vereine bei den Kindern motorische Grundlagen schaffen, die zum lebenslangen Sporttreiben animierten. Umgekehrt könnte der Sport die Kindergärten massiv entlasten: Der eklatante Personalmangel könnte verringert werden durch die Stunden, in denen die Trainer die Erzieherinnen entlasten. Zugleich würden die Kinder, die wie auch Grundschulkinder fast ausschließlich weibliche Bezugspersonen erleben, auch mal Männer in der Rolle von Trainern erleben.

Auf gewisse Weise wäre eine Integration der Vereine in die Erziehung die konsequente Fortsetzung bestehender Kooperationen. Schon jetzt sind die Vereine wichtige Partner der Schulen: In Frankfurt beispielsweise funktionieren, getragen von einem dank jahrzehntelanger Aufbauarbeit professionell aufgestellten Sportkreis, Projekte wie „Schuldkids in Bewegung“ oder die von Eintracht Frankfurt organisierte „Pausenliga“ oder auch Kooperationen zwischen dem Ruderverein Germania und der Schillerschule. Trainer aus den Vereinen gehen an die Schulen und bringen die Kinder dort zum Sporttreiben. Gerade in Ganztagsschulen bieten Vereine am Nachmittag ihren Sport an. Oftmals sind diese Versuche zwar an Frusterlebnissen gescheitert. Vereine haben zu wenig vom Engagement profitiert, weil sie, anders als erhofft, kaum Talente für ihren Sport begeistern konnten. An manchen Schulen, vornehmlich in kleineren Ortschaften, funktioniert die Zusammenarbeit freilich, meist begünstigt durch Nähe zum Verein und dessen Sportanlagen, so gut, dass beispielsweise Sportklassen in weiterfuhrenden Schulen Zusatzimpulse über den regulären Sportunterricht hinaus durch Vereine erhalten. Würden Vereinstrainer schon in den regulären Unterricht eingebunden, wäre die Schnittstelle zwischen Ganztagsschule und Vereinen nach Überzeugung von Roland Frischkorn deutlich gestärkt.

Bleiben die Bedenken, dass beim Sportunterricht durch ambitionierte Vereinstrainer neben dem Talent im Fußball, Rudern oder Ringen das weniger begabte Kind schnell links liegen bleiben könnte. Dem widersprecht Martin Rumpf, Vizepräsident Leistungssport des Hessischen Leichtathletikverbands. Die Erfahrung zeige, dass spezialisierte Trainer auch die erreichten, die im Sportunterricht immer am Rand säßen, weil sie zeitgemäßer ausgebildet und geschult seien, Ängste abzubauen und mentale Stärke bei den Schützlingen zu entwickeln. All das hilft übrigens auch der Zehnjährigen, wenn sie statt der Hürde in der Leichtathletik im bilingualen Unterricht Sprachbarrieren überwinden will.

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