Die Handballer scharren mit den Hufen

Wiesbadener Kurier vom 17.05.2021
Lange Corona-Auszeit setzt heimischen Vereinen zu – aber Vorfreude auf den Neustart ist riesig / Optionen im Freien

Von Susan Dobias von Manfred Schelbert

WIESBADEN. Langsam haben die heimischen Handballer genug. Frust und Enttäuschung machen sich breit. Seit einem Jahr machen viele nichts anderes als Online-Training – oder sie verharren ganz im Ruhemodus. Auf den Punkt gebracht: Die Handballvereine stecken mitten im Treibsand der Corona-Krise -auch wenn der Hessische Handballverband (HHV) jetzt den Neustart Ende Oktober ins Auge gefasst hat. Wir haben uns umgehört, wie die einzelnen Vereine die lange Auszeit zu meistern versuchen.

TG Schierstein: Am Schiersteiner Hafen heißt das Zauberwort für die erwachsenen Handballer Online-Training. „Darauf hat aber eigentlich keiner Bock“, bringt Abteilungsleiter Andre Häuser die allgemeine Stimmung auf den Punkt. An Training in der Halle ist überhaupt nicht zu denken. An der frischen Luft sieht das etwas anders aus. Hier sind die Handballer inzwischen eine Kooperation mit den Fußballern von Schierstein 08 eingegangen. Trainiert wird in den zugelassenen Fünfergruppen auf dem Sportplatz am Zehntenhof. „Wir haben schon seit Längerem ein freundschaftliches Verhältnis zu den Fußballern“, lobt Häuser die Kooperation mit den Schiersteiner Kickern. Eigentlich sollten die TG-Handballer in der Eltviller Sporthalle trainieren, doch die ist zum Impfzentrum erkoren worden. Hoffnung haben die Handballer vom Hafen, was Trainingsmöglichkeiten in der Schelmengrabenhalle anbelangt. “Die Renovierung dort ist weit fortgeschritten”, freut sich Häuser.

HSK BIK Wiesbaden: Auch bei der Handball-Spielgemeinschaft aus dem Wiesbadener Osten ist das sonst übliche Training in der Halle nicht möglich. „Auch wir halten uns mit Online-Training fit“, verrät Johannes Kamprath, stellvertretender BIK-Vorsitzender und Kreisläufer der Bezirksligamänner. Zumindest die Jugendlichen können auf dem Sportplatz an der Theodor-Fliedner-Schule trainieren, allerdings immer nur maximal fünf Personen auf einer Hälfte des Spielfelds. „Und das Training soll dann auch noch möglichst kontaktlos stattfinden“, verdeutlicht Kamprath, der allerdings froh darüber ist, dass die meisten Handballer bei der Stange geblieben sind: „Wir haben kaum Fluktuation.“

Die Kinder und Jugendlichen brauchen den Sport und vermissen ihre Freunde.
Tanja Faßhauer, Jugendkoordinatorin der HSG VfR/Eintracht Wiesbaden

TV Idstein: Der Verein aus der Hexenturmstadt scheint die Corona-Zeit bisher mit einem blauen Auge überstanden zu haben. „Wir haben deswegen kaum Abgänge“, erläutert Handball-Abteilungsleiter Frank Stübing. Während sich Aktive, A- und B-Jugend einmal in der Woche zum Online-Training treffen, trainieren die Jüngeren seit Anfang März in Fünfergruppen auf dem Feld. „Wir haben ein Jahr verloren. Die technische Entwicklung ist nicht vorangegangen. Das tut weh. Mit viel Glück können wir nach den Sommerferien wieder in der Halle trainieren und legen nach den Herbstferien einen Neustart hin“, hofft Stübing, der noch weitere Gefahrenpotenziale sieht. “Die Spieler müssen sich wieder an den stumpfen Hallenboden gewöhnen.” Der ältere A-Jugend-Jahrgang müssse nun bei den Aktiven aufgefangen werden, um ihn nicht zu verlieren. Um den jüngsten Nachwuchs zu generieren, bietet der Verein eine Eltern-Kind-Handball-Gruppe an. Das Echo der Sponsoren stimmt den Verein zuversichtlich. “Ich hoffe, dass alle dabeibleiben. Ansonsten muss man den Gürtel mal enger schnallen und solidarisch sein“, sagt Stübing. So soll beispielsweise Werbung von Geldgebern auch dann gezeigt werden, wenn diese dann wegen der Pandemie erst einmal nicht in der Lage sind, zu zahlen. Auf Einnahmen hofft der Verein in der kommenden Saison durch die neu gestaltete Außenbewirtung. Die Kosten für den Spielbetrieb trägt weitestgehend der Hauptverein.

Die Landesligaherren fahren ihre individuellen Programme derweil langsam wieder hoch, um zum aktuell geplanten Start im Juni fit zu sein. Dann liegt der Fokus zunächst auf Kraft und Ausdauer. Wobei Trainer Jan Welsch seinem Team so schnell wie möglich den Ball in die Hand geben will. Stellt sich nur die Frage, wo das Mannschaftstraining stattfinden wird. „Ich habe schon mal eine Anfrage im Verein gestellt, ob Zeiten auf den Fußballplätzen verfügbar sind. Die wären für die Knochen angenehmer. Man könne sogar prellen und leichte Passübungen macxhen”, sagt Welsch. Konkrete Pläne habe er dennoch nicht, da niemand wisse, wann gelockert werde.

TG Eltville: “Wir ächzen dem Neustart entgegen”: natürlich kann auch TGE-Coach Florian Crasnaru das Ende der handballfreien Zeit kaum erwarten. Die Handballer aus der Rosenstadt weichen notgedrungen ebenfalls ins Freie aus. Fahrradfahren, Laufen, Athletiktraining – das sind die Optionen, die Crasnaru momentan bieten kann. „Ich musste jedoch schon Trainingseinheiten aufgrund von schlechtem Wetter absagen“, macht sich auch beim Coach zeitweise Frust breit. Ob die Handballsaison tatsächlich Ende Oktober beginnt, wie der HHV angekündigt hat, ist Crasnaru eigentlich schon fast egal: „Hauptsache, wir können bald wieder in der Halle spielen und wenn es nur Testspiele sind.“

HSG VfR/Eintracht Wiesbaden: Momentan ist Alex Müller tiefenentspannt. „Ich denke nicht, dass wir vor Juli ins Mannschaftstraining starten können. Im optimalen Fall können wir dann in die Halle. Nach so einer langen.Pause brauchen wir vor dem Saisonstart drei Monate Vorlaufzeit“, sagt der Coach der Landesligaherren. Die Spieler können es kaum noch erwarten. „Alle haben natürlich Bock. Sie wollen Handball spielen und nicht nur laufen“, sagt Müller. Neben Jogging hat sich die Mannschaft durch Videotrainings fit gehalten. Einer der “Übungsleiter” ist Lorenz Engel, der R+ückraumspieler wurde mittlerweile am Ellbogen operiert und schuftet in der Reha für ein Comback. Eine Rückkehr im Januar 2022 ist avisiert. Verzichten muss Müller aber auf Jan Schröder, der aus beruflichen Gründen aus Wiesbaden weggeht,

“Hauptsache, wir können bald wieder in der Halle spielen und wenn es nur Testspiele sind.”
Florian Crasnaru, Trainer der TG Eltville

Im Vergleich zu anderen Abteilungen sind die Handballer bisher von Abmeldungen kaum betroffen. Wie vor Corona kann die HSG auch für die kommende Saison von den Minis bis hin zur A-Jugend alle Teams besetzen und melden. „Wir haben die Rückmeldung, dass alle bleiben. Wir versuchen auch, alle zu halten. Das Interesse ist groß“, sagt Jugendkoordinatorin Tanja Faßhauer. Bis auf ganz wenige Ausnahmen kann der Verein momentan nur wenig Sport anbieten. Daher probiert die HSG einiges, bietet Online-Trainings an, veranstaltet Chal-lenges. „Wir haben vor, in den Sommerferien was anzubieten, wollen vielleicht ein kleines Programm starten“, sagt Faßhauer. „Die Kinder und Jugendlichen brauchen den Sport und vermissen ihre Freunde.“

TG Kastel: Die Landesligamannschaft trifft sich wöchentlich zum Online-Training. Alle zwei Wochen gibt es Sonderveranstaltungen wie zuletzt ein Radrennen am Main – natürlich „coronakonform“, wie Coach Kalli Klein erklärt. Personell hat sich nicht viel verändert. Die „jungen Väter“ halten sich eine Rückkehr aufs Parkett weiterhin offen, sind bei den Online-Veranstaltungen aber dabei. Pläne bezüglich der Wiederaufnahme des Mannschaftstrainings hat Klein noch keine gemacht. „Das hängt viel damit zusammen, was erlaubt ist. Die Zahlen sind momentan ermutigend. Vielleicht können wir in fünf, sechs .Wochen draußen etwas machen. Wenn es erlaubt ist, in die Halle zu gehen, machen wir das sofort“, sagt Klein.

Im Jugendbereich konnte Kastel die gleiche Mannschaftsanzahl melden wie vor Corona. Den Schwund im Gesamtverein beziffert Abteilungsleiter Gilbert Geiger auf etwa zehn Prozent: „Die, die aufhören Handball zu spielen, werden nicht mehr durch Neuanmeldungen ersetzt.“ Größte Herausforderung sei, die Motivation und das Mannschaftsgefüge zu halten. Mit den jüngeren Jahrgängen ist der Verein bereits im Training draußen, Eltern und Kinder seien glücklich darüber. „Für Familien ist es eine schwere Situation. Das Training ist eine schöne Abwechslung, die gerne angenommen wird“, sagt Geiger. Dabei liegt der Fokus nicht auf der konkreten Vorbereitung, sondern einfach in der Gemeinschaft. Auf Halleneinheiten wird Kastei noch länger freiwillig verzichten. Das Risiko sei einfach zu hoch und nicht verhältnismäßig. Mit Blick auf die Finanzen und den Jugendförderclub kann der Verein durchatmen: „Unsere Überlebensgrundlage ist nicht auf Sponsoring ausgerichtet. Den Großteil der Ausgaben finanzieren wir über Mitgliederbeiträge“, sagt Geiger. Glücklich stimme ihn, dass aus dem Jugendförderclub niemand abgesprungen sei.

HSG Obere Aar: Die HSG-Handballer aus Bad Schwalbach, Bleidenstadt und Hahn hatten in den vergangenen Wochen eine besondere Herausforderung zu bestehen: „Laufchallenge“ hieß der Wettkampf, den Handballlegende Jürgen Kleinjung mit seinem Trainerteam ins Leben gerufen hatte. Dabei traten Männer- und Frauenteam gegeneinander an. „Der Verlierer musste ein Kabinenfest organisieren“, verriet Kleinjung. Das Ergebnis sei erstaunlich gewesen: „Fast alle Sportler liefen insgesamt um die 38 Kilometer.“ Unentschieden hieß es am Ende. Das Kabinenfest organisieren nun Männer und Frauen gemeinsam. Und wie geht es weiter? „Alle stehen in den Staitlöchem“, verdeutlicht Kleinjung, der in diesen Tagen selbst erstmals gegen Corona geimpft wurde. Und vom Handball noch lange nicht genug hat.

Packende Zweikämpfe: Auch das vermissen die heimischen Handballer während der Zwangspause Archivfoto: rscp/Ulrich Scherbaum

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