Ultimativer Härtetest für heimische Handballteams

Neun Monate Zwangspause und kein Ende in Sicht: Sechs Trainer über Sorgen, Hoffnungen, Zusammenhalt und die generelle Gefahr, dass Spieler von Bord gehen

Wiesbadener Kurier vom 25.11.2020

Archivfotos: Vigneron, Lorenz, Neumann, Welsch, Gutschalk


Von Susan Dobias

WIESBADEN. Kein Punktspiel seit mehr als neun Monaten, der verschobene Saisonstart, die unzähligen und immer wieder unterbrochenen Vorbereitungen und die Unsicherheit, wie es weitergehen soll: Für die Oberliga-und Landesligahandballer aus und um Wiesbaden ist das keine leichte Zeit. Wie erleben die Trainer Hans-Josef Embs (TuS Dotzheim), Gilles Lorenz (HSG Bre-ckenheim Wallau/Massenheim), Alexander Müller (HSG VfR/Eiri-tracht Wiesbaden), Kalli Klein (TG Kastei), Jan Welsch (TV Idstein) und Thomas Gölzenleuchter (HSG Eppstein/Langenhain, kurz EppLa) die Zwangspause?

Die Trainer zu den Dingen, die ohne Handball fehlen:
Embs
: „Es ist sehr bitter. Jedem fehlt etwas, zum einen der Sport an sich, dann noch die Kommunikation untereinander. Das ist ein Rieseneinschnitt. Letztlich geht es aber allen so. Ich versuche, mich mit Walking und Radfahren fit zu halten und schaue jede Sportsendung. Nach dem Renteneintritt und ohne das Coachen herrscht bei mir nun Stillstand, alles ist von 150 Prozent auf Null heruntergefahren.“ Lorenz: „Der Handball fehlt uns allen. Ich würde meine Spieler gerne bald Wiedersehen. Es fehlt vor allem auch das Zusammensein. Handball ist unser liebstes Hobby. Wir kommunizieren über Sprachnachrichten, Videokonferenzen, aber alles läuft sehr auf Sparflamme.“
Müller: „Der Nervenkitzel fehlt einfach. Ich ertappe mich dabei, alte Videos unserer Spiele anzusehen, um im Thema zu bleiben. Zum Glück sehen wir uns per Videoschalte.“
Klein: „Bei uns herrscht Wehmut. Wir vermissen den Handball. Gerade als sehr kameradschaftlicher Haufen, der auch viel außerhalb des Handballs unternimmt, fällt es schwer. Es ist eine ungewöhnliche Zeit.“
Welsch: „Bei uns ist es relativ ruhig. Man weiß, was die Zeit geschlagen hat. Wir vermissen den Sport, sind aber froh, dass zumindest erst mal eine erste Entscheidung getroffen wurde. Das ganze Hin und Her hat einfach genervt. Jeder bei uns hat nun seinen eigenen Plan und wir können auch mal körperliche Probleme auskurieren.“
Gölzenleuchter: „Gerade für uns als neu zusammengewürfelte Mannschaft sind die fehlenden gemeinsamen sportlichen Erlebnisse hinderlich für die Teamgeistfindung.“

…der Frage, wie das Training aktuell geregelt wird und wie es in den Ligen weitergehen könnte:
Embs
: „Die Entscheidung, den Saisonstart in den Januar zu verschieben, kam doch sehr plötzlich. Daher habe ich keine Trainingspläne herausgegeben. Die Spieler machen sowieso etwas, joggen oder absolvieren Stabilisationsübungen. Wenn die Hallen öffnen, sind wir da. Sollte es losgehen, wäre es am besten, die Teams auf zwei Staffeln zu verteilen und am Ende Aufstiegsund Abstiegsspiele zu machen.“
Lorenz: „Sollte es, wie angedacht, im Januar losgehen, brauchen wir mindestens drei Wochen Vorbereitungszeit. Das würde bedeuten: Trainingsstart im Dezember. Solange die Halle gesperrt ist, können wir aber nichts planen. Wir trainieren individuell und harren der Dinge.“
Müller: „Ich sehe keine realistische Chance, dass es im Januar beginnt. Und wir alle haben keinen Bock, bis in den Juni oder Juli zu spielen. Egal was man versucht, es muss auf jeden Fall im Mai zu Ende sein. Bis zum Jahresende gehen wir in keine Halle mehr.“
Klein: „Ich glaube nicht, dass wir überhaupt eine Runde spielen können. Bisher habe ich das Thema verdrängt. Mal sehen, was Mittwoch von der Bundesregierung kommt.“
Welsch: „Ich kann mir nicht vorstellen, dass wir im Dezember etwas machen können. Priorität hat, das Risiko so gering wie möglich zu halten. Es ist aufgrund der Unsicherheit einfach nichts planbar. Wir warten auf Neuigkeiten, ich rechne aber eher mit einem Abbruch der Saison.“
Gölzenleuchter: „Ich vermute, dass wir zunächst in kleinen Gruppen trainieren dürfen, was dann langsam gesteigert wird. Alles, was möglich ist, werden wir machen. Wenn es optimal läuft, können wir vielleicht im März mit der Runde starten. Aber ehrlich gesagt, kann ich mir das nur schwer vorstellen und ich bin kein Pessimist. Und was man auch nicht vergessen darf: die Leute wollen Handball sehen. Die Vereine nehmen Eintritt, verdienen durch den Essen-und Getränkeverkauf etwas. Ob das dann möglich sein wird?“

…den Konsequenzen für die Vereine durch die Corona-Pause:
Embs
: „Ich sehe durchaus große Probleme auf die Vereine zukommen. Wie geht es weiter, welche Spieler bleiben, wie ist das Interesse überhaupt noch am Sport? Das alles sind Fragen, die beantwortet werden müssen. Wir werden uns irgendwann mit dem Vorstand und der Mannschaft zusammensetzen und sehen, was dabei herauskommt. Ich kann in niemanden hineinschauen, aber wir wollen schon die Mannschaft zusammenhalten.“
Lorenz: „Es ist schwer, das zu beurteilen. Ich habe so eine lange Pause noch nie erlebt. Ich mache mir, was unsere Mannschaft betrifft, aber keine Gedanken. Ich gehe davon aus, dass sie zusammenbleibt.“
Müller: „Um uns mache ich mir weniger Sorgen, weil uns die wirtschaftlichen Auswirkungen nicht so treffen. Aber ein paar Vereine in höheren Ligen werden Probleme bekommen. Ich befürchte, dass Spieler aus jüngeren Jugenden abwandern. Die Eltern achten sehr darauf, dass sich die Kinder bewegen. Geht das im Handball nicht mehr, werden Alternativen gesucht.“
Klein: „Bei uns im Team sehe ich da keine Probleme. Für den Verein ist es fatal. Auch wenn ich meine Hessenauswahl (Anm. der Redaktion: Klein ist Auswahltrainer des männlichen Jahrgangs 2004) betrachte, ist das bitter. Die Jungs haben zwei Jahre intensiv und hart gearbeitet mit dem Ziel, es in die Jugend-Nationalmannschaft zu schaffen. Das ist jetzt umsonst gewesen, da alle Maßnahmen auf Eis liegen.“
Welsch: „Allgemein ist das eine gefährliche Entwicklung. Ich sehe das Problem eher in den höheren Ligen und Jugendmannschaften. Uns betrifft das weniger. Wir haben einen ausgeprägten Zusammenhalt im Team und freuen uns, wenn es losgehen kann.“
Gölzenleuchter: „Ich kann mir gut vorstellen, dass einzelnen Spielern und Spielerinnen aufgezeigt wird, es geht auch ohne Handball. Aber wenn man mal Handball gespielt hat, will man das wieder machen. Den Eindruck habe ich auch in meinem Team. Schwieriger ist es in der Jugend. Da geht momentan viel verloren. Der Sport und das soziale Miteinander fehlen den Kids. Das wirkt sich auf ihre Entwicklung aus.“

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