Händler und Turner

Wiesbadener Kurier vom 08.09.20220 –
Felix Lahnstein war der letzte Vorsteher der Idsteiner jüdischen Gemeinde, ehe die Synagoge in der Reichspogromnacht überfallen wurde.

Von Beke Fleeren-Pradt

IDSTEIN. Sie ist die Verbindung zwischen Himmelsgasse und Zuckerberg und heißt heute „Felix-Lahnstein-Straße“. Aber so hieß diese Altstadtgasse noch nicht immer. Sie wurde vielmehr mindestens zweimal umbenannt. Die längste Zeit ihres Bestehens hatte sie den Namen „Judengasse“. Den trug sie, weil sich in der Hausnummer 1 seit dem Ende des 18. Jahrhunderts die Idsteiner Synagoge befand. 1793 erhielt die jüdische Gemeinde die Genehmigung, eine Synagoge in der Gasse zu bauen, die dann „Judengasse“ hieß. Das Gebäude wurde mehrfach renoviert und umgebaut, 1875 gab es sogar einen teilweisen Neubau. Im Zuge einer gründlichen Renovierung 1888/89 wurde elektrisches Licht eingebaut – anstelle der bisherigen Petroleumlampen.

Der Betraum im Obergeschoss des Hauses hatte 40 Plätze für Männer, 18 für Frauen. Im Erdgeschoss befand sich ein Gemeinderaum und das rituelle Bad, die sogenannte „Mikwe“, über die in einer Beschreibung von 1936 geschrieben wurde, sie sei „längst verfallen“.

Aus dem KZ Buchenwald freigekauft

Wer aber war Felix Lahnstein? Dieser Idsteiner Jude war der letzte Vorsteher der jüdischen Gemeinde, ehe die Synagoge am 9. November 1938 im Rahmen der Reichspogromnacht überfallen, das Inventar zerstört und anschließend auf dem Marktplatz verbrannt wurde. Auch der jüdische Friedhof wurde verwüstet, die Grabsteine im nahen Wald verstreut.

Bis Anfang der Dreißigerjahre lebten 65 jüdische Einwohner in Idstein, dazu kamen noch weitere etwa 100 Bewohner des Kalmenhofes. Alle Juden lebten vom Handel, viele vom Getreide- oder Viehhandel. Auch Felix Lahnstein war Getreide- und Futtermittelhändler. Sein Geschäft lag in
der Weiherwiese. Bei der Idsteiner Bevölkerung war er vor allem für seine Großherzigkeit bekannt. Er half besonders Kleinbauern durch großzügige Kreditgewährung. Die Beliebtheit seiner Familie in Idstein zeigte sich beispielsweise bei der Beerdigung seines Vaters Daniel 1911, als die ganze Stadt Anteil nahm. Felix Lahnstein war in seiner Freizeit ein begeisterter Turner und aktiv im TV 1844 Idstein. Im Ersten Weltkrieg war er Soldat.

Doch der aufkommende Nationalsozialismus machte auch vor Idstein nicht Halt. Schon vor 1938 war ein Großteil der jüdischen Familien emigriert, vor allem in die USA. Felix Lahnsteins Wohn- und Geschäftshaus wurde 1938 demoliert. Er selbst wurde ins Konzentrationslager Buchenwald deportiert, konnte sich jedoch freikaufen und bei Verwandten in England unterkommen. Seine Familie, die Deutschland 1940 verlassen hatte, traf er in New York wieder, wo er sich niederließ und 1958 starb.

1945 benannte die Stadt Idstein die ehemalige „Judengasse“, die seit 1934 „Hintere Borngasse“ geheißen hatte, nach dem letzten Vorsitzenden der jüdischen Gemeinde in Idstein „Felix-Lahnstein-Straße“.

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