“Politik ist Bewegung egal”

Wiesbadener Kurier von 16.04.2021

Mainzer Professor Simon fordert: “Dürfen Kindern den Sport nicht verbieten”

Mainz. Die Nervosität in Sportvereinen angesichts der Corona-Pandemie nimmt zu. Sorge und Ärger bereitet, dass Bewegung weiterhin stark eingeschränkt ist. Das in Berlin geplante Infektions-schutzgesetz sieht ab einer Inzidenz von 100 nur noch kontaktlosen Individualsport vor. Vereine sind also weiter zur Tatenlosigkeit verurteilt. „Aus Sicht der Gesundheit ist das katastrophal“, sagt Professor Perikies Simon, Leiter der Abteilung Sportmedizin am Institut für Sportwissenschaft der Universität Mainz.

Der 48-Jährige ist frustriert. „80000 Menschen sterben pro Jahr an Bewegungsarmut in Deutschland.“ Das würde nun sogar noch gefördert. „Wir stehen betreffend Volksgesundheit weltweit sehr schlecht da. Und machen es jetzt noch schlechter.“ Man müsse sich vor Augen führen, so der Professor, was es für ein Kind im Alter von zwei bis acht Jahren bedeute, wenn es ein Jahr lang in Bildung und Sport eingeschränkt würde. „Bewegung ist lebensnotwendig, Bewegungsarmut fördert Krebs- und Herzkreislauferkrankungen“, stützt Simon die Appelle des DOSBund der Sportverbände. „Die Politik in der Pandemie ist aber darauf ausgerichtet, dass Bewegung eigentlich egal ist.“ Simon kritisiert nicht nur, er fordert auch: „Die 15 Millionen Menschen, die älter als 70 sind, müssen schnellstmöglich geimpft werden. Dann müssen wir sehen, dass der Rest von Deutschland in die Normalität zurückkehren kann.“ Was den Wissenschaftler vor allem stört: „Wir fahren aus einem Angst-Level bereits nur auf Sicht – und das nun schon seit einem Jahr. Dabei würde, so seine Kritik, bevorzugt auf das virale Geschehen geschaut.
„Es gibt auch Kollateralschäden, die werden aber nicht beachtet.“ So seien psychische und physische Erkrankungen die Folge der langen Lockdowns. „Warum schaut da keiner hin?“ Fehlender Sport spielt eine Rolle.

„Die Völksgesundheit lässt sich nicht nur an den Kranken bemessen“, sagt Simon und spricht alle Mediziner an: „Wir haben nicht nur für die erkrankten Menschen eine Verantwortung, sondern auch gegenüber den Gesunden. Dieser Gedanke kommt mir zu kurz.“

Unterstützung von Lauterbach und Aerosolforschern

Ein Lockdown-Verfechter hat sich am Donnerstag für den Sport ausgesprochen. SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach teilte bei Twitter eine Studie, die besagt, dass regelmäßiger Sport das Risiko einer schweren Covid-Erkrankung sehr stark reduziere. Lauterbach schreibt dazu: „Diejenigen, die nie Sport machen, haben im Vergleich zu Sportlern eine dreifache Sterblichkeit.“ Für Simon nichts Neues: „Dass Sport die Resilienz in vielfacher Form stärkt, steht fest.“ Auch der jüngste Brief der Aerosolforscher, in dem sie darauf hinweisen, dass die Gefahr der Ansteckungen im Freien überschätzt würden, überrascht den Mainzer Professor nicht. Perikies Simon fordert, „sich die Best-Practise-Beispiele aus asiatischen Ländern“ anzuschauen. „Dort gibt es eine jahrelange Pandemie-Erfahrung. Davon nicht lernen zu wollen, ist falsch. Darin müssen wir uns zunächst endlich mal alle einig sein.“ Und dann heißt es: Vorbereiten auf das, was kommt. Gerüstet zu sein, „wenn wir bei Mutanten des Virus genötigt sein sollten, innerhalb von sechs Wochen zu reagieren“. Notfalls mit der Pandemie leben. Dabei schnell wieder in Bewegung kommen. „Wann haben wir kleine Kinder für eine so lange Zeit den Kontakt mit anderen Kindern verwehrt? Wer ist so naiv zu denken, dass das spurlos an ihnen Vorbeigehen wird?“, fragt Simon und sagt: „Was wir bisher verschlüsselt haben, holen wir nicht mehr auf. Hoffentlich lernt die Politik daraus.“ Die Forderung des Mainzer Professors: „Selbstverständlich müssen wir «Sport erlauben. Wir dürfen es Kindern nicht verbieten, im Gegenteil, wir müssen noch mehr Kinder an Sport heranführen”, sagt Simon und schiebt nach: „Den Gesunderhalt der Bevölkerung und vor allem der Kinder längerfristig und alleine mit Blick auf die Pandemie zu gefährden, ist keine weitere Option mehr in der Pandemiebekämpfung.

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