“Richtige Austrittswelle gibt es nicht”

Wiesbadener Kurier vom 12.12.2020 
Andreas Reuther sieht TVI in erneuter Phase des Stillstands noch gut aufgestellt / Angebote für draußen intensivieren 

Von Stephan Neumann
IDSTEIN. Der TV Idstein hätte in  diesem Jahr mit all seinen Abteilungen und seiner generell großen Angebotspalette wohl die 5000-Mitglieder-Marke geknackt – wenn die Pandemie nicht die Welt auf den Kopf gestellt und auch die Sportvereine in einen Ausnahmezustand versetzt hätte.

Andrteas Reuther                     Foto: wita/Udo Mallmann

700 bis 800 Anmeldungen fehlen: In normalen Zeiten, erläutert Andreas Reuther in seiner Eigenschaft als Vorstandssprecher des TVI, gebe es jährlich 500 bis 600 Austritte, aber auch 700 bis 800 Eintritte. „Das Schlimme ist in diesem Jahr, dass es praktisch keine Eintritte gibt. Seit März sind es vielleicht fünf. Ansonsten haben wir monatlich 60 bis 70 Anmeldungen“, erklärt Reuther, stellt aber auch klipp und klar fest: „Eine richtige Austrittswelle aufgrund derzeit fehlender Angebote gibt es nicht.“

Harte Zeiten für die Handballer des TV Idstein um Jonas Cremers, die in der Saison 2020/21 im Sog von Corona womöglich kein Landesliga-Spiel mehr absolvieren werden.             Archivfoto: rscp/Marcel Lorenz

Sponsoren halten dem Verein die Treue: Zum Jahreswechsel rechne man mit einem Minus von 650 Mitgliedern, entsprechend werde sich der Etat – in Verbindung mit dem Jahresumsatz von 600000 Euro – für 2021 wohl um 20 Prozent verringern. Die Sponsoren würden den Verein weiter unterstützen, streicht der 70-Jährige heraus. Für einen Antrag der im November in Aussicht gestellten Hilfsgelder, der über einen Steueranwalt gestellt werden musste, sieht Reuther beim TV Idstein nicht die Voraussetzungen gegeben. Das sei von Verein zu Verein stets individuell zu betrachten, fügt er an und sieht es als größte Hypothek, „dass wir momentan keinen Sport ausüben können.”

Reha- und Familiensport noch möglich: Doch es gibt im Rahmen geltender Beschränkungen zwei Ausnahmen. In der Erivan-Haub-Halle und der Mike-Schillings-Halle, die beide dem TVI gehören, läuft der Reha-Sport weiter. Zwar kämen nicht alle, doch in den 20 Reha-Gruppen – unter anderem für Herz-, Krebs-und Lungenpatienten – bestünden Angebote. Darüber hinaus auch in der Sparte „Familiensport“, sodass Eltern mit ihren Kindern für ein- bis eineinhalb Stunden Teile der Halle nutzen können, ehe nach einstündiger Pause die nächste Familie eingelassen wird. Reuther geht allerdings davon aus, dass im Rahmen weiterer Maßnahmen zur Corona-Eindämmung umfassendere Verbote verhängt werden.

Handballer könnten im Freien spielen: Gleichwohl gilt es bei momentan 4600 Mitgliedern, in die Zukunft zu schauen, so ungewiss sie derzeit auch erscheint. Mehr Angebote ins Freie verlagern, das ist aus Reuthers Sicht ein Ansatzpunkt: „Die Handballer könnten vielleicht draußen Kleinfeldspiele austragen, bei denen nicht unbedingt Schiedsrichter benötigt werden. Vielleicht auch eine Runde in Turnierform abwickeln, sobald die Zahlen in Zusammenhang mit Corona wieder in Ordnung sind. Wir haben ohnehin bei der kürzlichen Videokonferenz des Handballbezirks vorgetragen, dass wir den Gedanken haben, zunächst vom regulären Spielbetrieb Abstand nehmen zu wollen. Es sollte in dieser Runde nur noch ein Freundschaftsspiel-Betrieb stattfinden, und im Hinblick auf die nächste Saison sollten die Spielklassen erhalten bleiben.“ Die Sportanlage Zissenbach mit einem Naturrasenplatz und dem für 25 Jahre vom TVI gepachteten Kunstrasen bietet womöglich nicht nur den Fußballern und Leichathleten des Vereins Alternativen. „Nach meiner Erfahrung hat bereits eine Reihe von Mitgliedern den Sport im Freien angenommen. Einschließlich der Waldläufe. Wir sollten uns insgesamt für draußen Sport- und Freizeitangebote überlegen und sie vorbereiten“, regt Reuther an.

Es wird sich manches verändern”: Kreativität und Engagement sind nun auch beim TVI, der in seiner Größenordnung einem Unternehmen gleicht, weiter gefragt, um die Phase des Stillstands zu überbrücken. Mit den bestehenden Übungs- und Mitmachangeboten via Online- oder den Whatsapp-Gruppen, die den Kontakt nicht abreißen lassen. „Daneben sind die Vereine gehalten, sich in der Öffentlichkeitsarbeit darzustellen“, sieht Andreas Reuther die Notwendigkeit, auch in schwierigen Zeiten mit Kurzarbeit für die vier vom Verein lohnsteuerpflichtig beschäftigten Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter aktiv zu sein. Auch Verena Hartwig und Benjamin Yeboah, die ihr Freiwilliges Soziales Jahr beim TVI absolvieren, packen mit an. Und sehnen wie alle die Zeit der Rückkehr zur Normalität herbei. Reuther: „Zur Resignation ist kein Anlass, der Stamm der Vereinsmitglieder hält zusammen. Die sozialen Kontakte pflegen, über neue Angebote nachdenken, Verstärkung des Sportangebotes im Freien könnte eine Möglichkeit sein. Und ansonsten: Kopf hoch!“

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