Schon kleine Kinder sollten Sport treiben

Zukunft jetzt – Ausgabe 3/2019 –

Die Speerwurf-Weltmeisterin und Erfolgstrainerin Steffi Nerius erklärt, wie wichtig inklusiver Sport für Kinder und ihr Selbstbewusstsein sein kann
INTERVIEW: EVA SCHARMANN

Frau Nerius, mal etwas ketzerisch gefragt:
Die Zukunft ist digital, wozu brauchen Kinder heute noch Sport?
Bewegung ist für Kinder und Jugendliche extrem wichtig. Beim Sport wird das ganze motorische System trainiert. Wer nur vorm Rechner hockt, bekommt einen totalen Tunnelblick. Die Orientierung im Raum und vieles andere wird durch sportliche Betätigung geschult. Wer keinen Sport treibt, hat häufig auch weniger Freunde. Dennoch ist es völlig okay, wenn ab und zu mal gedaddelt wird.
Kinder sind nach WHO-Definition ausreichend körperlich aktiv, wenn sie täglich mindestens eine Stunde Sport treiben – die meisten deutschen Kinder erreichen diesen Wert laut der Gesundheitsstudie „KiGGS“ aber nicht. Das ist heute wirklich ein Thema. Ich war als Kind ständig draußen. Nach den Hausaufgaben habe ich Fußball, Fangen oder Verstecken gespielt. Heute müssen die Eltern mit gutem Beispiel vorangehen, damit Kinder nach der Schule nicht nur zu Hause rumsitzen, sondern sich auch an der frischen Luft bewegen. Und: Das Kind sollte nach Möglichkeit auch mal zur Schule laufen oder mit dem Rad fahren.

Stichwort Schule – kann der Schulsport motorische Defizite ausgleichen?
Der Sportunterricht ist da sehr wichtig.
Das Fach wird aber oft nicht wertgeschätzt und ist meist das, was als erstes ausfällt. Wir haben hier am Sportinternat natürlich eine ideale Situation und arbeiten mit einer Eliteschule des Sports zusammen. Es gibt fünfmal die Woche Sportunterricht. Schulsport macht Spaß, wenn man viele unterschiedliche Sportarten ausprobieren kann. Ich selbst habe erst mit Begeisterung Volleyball gespielt und bin dann zum Speerwurf gewechselt, als klar wurde, dafür habe ich noch mehr Talent.

Wie lässt sich die Schere zwischen sportlichen und unsportlichen Kindern schließen?
Ungefähr bis zum Alter von acht Jahren muss man dafür die Grundlagen legen – später wird es immer schwieriger, eine „Couch-Potato-Karriere“ zu durchbrechen. Deshalb haben wir bei uns im Verein ein sehr gefragtes Kinder- und Jugendtraining, bei dem selbst Kleinstkinder ab einem Jahr mitmachen können.

Sie haben viele Jahre erfolgreich para-lympische Athleten trainiert. Wie profitieren Menschen mit Behinderung vom Sport?
Sie werden durch Sport sicherer im Umgang mit der Behinderung. Sie meistern den Alltag besser. Ein Beispiel: Ich habe einen sehbehinderten Jungen trainiert, dessen Mutter mir Jahre später berichtet hat, dass ihr Sohn noch immer von dem damaligen Sporttraining profitiert. Er könne Bordsteinkanten heute viel besser und sicherer bewältigen. Sportliche Erfolge stärken auch das Selbstbewusstsein. Und dann ist da natürlich noch das Gemeinschaftsgefühl: Wir verfolgen hier von Anfang an einen inklusiven Ansatz. Behinderte und nicht-behinderte Sportler können zusammen trainieren.

Sie engagieren sich auch im Verein Sportler für Organspende und in der Initiative Kinderhilfe Organtransplantation (KiO). Was tun Sie da?
Zusammen mit über 100 Olympiasiegern, Welt- und Europameistern setze ich mich für eine lebensrettende Idee ein: die Organspende. Es kann nicht sein, dass jedes Jahr Tausende sterben, die auf ein Spenderorgan warten, aber keines bekommen. Bis zu zehn Prozent aller Transplantationen in Deutschland werden übrigens bei Kindern durchgeführt. Sowohl für Kinder als auch Eltern ist die Zeit vor und nach einer Organtransplantation in vielerlei Hinsicht sehr belastend. KiO unterstützt die Familien finanziell, mit kostenfreien Freizeitprogrammen und mit Expertenrat.

Wie kam es dazu, dass Ihnen die Organspende ein besonderes Anliegen wurde?
Durch persönliche Kontakte zu transplantierten Sportlern liegt mir das Thema sehr am Herzen. Mit Franziska Liebhardt, Vorstandsmitglied im Verein Sportler für Organspende, verbindet mich zudem eine Erfolgsgeschichte: Franziska, die lungen- und nierentransplantiert ist, habe ich als Trainerin betreut. Als sie bei den Paralympics in Rio 2016 Gold im Kugelstoßen holte, sind mir Freudentränen heruntergelaufen. Entgegen allen ärztlichen Prognosen hatte sie sich enorm entwickelt und auch gesundheitlich vom Training profitiert. Sie ist wirklich ein hollywoodreifes Beispiel dafür, wie sich jemand gegen alle Widerstände einen sportlichen Traum erfüllt.

 

Aufrufe: 37