TSG-Halle nach 116 Jahren Geschichte

Ende November 2021 ist es soweit. Die ausgebrannte TSG-Halle wird abgerissen. Mit Wehmut denken die ehemaligen TSGler an ihre Sporthalle, in der sie jahrelang Sport betrieben haben.

Nach 116 Jahren abgerissen

Idsteiner Zeitung vom 31.12.2021
Anstelle der historischen TSG-Halle soll künftig Wohnraum entstehen / Ein Blick in die Geschichte

Als “Zierde der Stadt” stand die alte TSG-Halle während der Jahrzehnte immer wieder im Mittelpunkt des Idsteiner Lebens (Fotos oben), 2005 erhielt das alte Gebäude einen Anbau (unten rechts). Mittlerweile steht nur noch ein Sockel (unten links). – Foto: Stefan Gärth

Von Beke Heeren-Pradt
IDSTEIN. „So möge denn unsere Halle dienen als Pflegestätte der deutschen Turnerei (…) als Pflegestätte für moralische Bildung, Wahrheit, Recht, Sittlichkeit und Tugend (…) und als Pflegestätte des Friedens.“ Äußerst salbungsvolle Worte wählte der damalige Vorsitzende der Turngesellschaft 1879 Idstein, W. Bücher, als die neue Turnhalle des Vereins am 30. Juli 1905 mit einem großen Fest, an dem die ganze Stadt Anteil nahm, eingeweiht und ihrer Bestimmung übergeben wurde. Nachzulesen ist seine Rede, wie auch die Beiträge anderer Honoratioren, in der Idsteiner Zeitung vom folgenden Tag. Auch der Idsteiner Bürgermeister Wilhelm Leichtfuß überbrachte Glückwünsche des „Stadtkollegiums“ und rief ein „dreifaches Gut Heil“ aus auf den Verein, der in einer großen Gemeinschaftsanstrengung den Bau der Turnhalle geschafft hatte. 13 000 Mark waren für den Neubau veranschlagt worden, der von Oberlehrer Wilhelm Göbel geleitet und ausschließlich von Idsteiner Handwerksbetrieben ausgeführt werden sollte. Für die Finanzierung war ein „Baufonds“ gegründet worden, der außer mit Spenden auch mit Benefizveranstaltungen gespeist wurde.

Ein Bau, der zur „Zierde der Stadt gereicht”

So veranstaltete der Verein zwei Aufführungen des Theaterstücks „Die Heldin von Transvaal“, die beide mit einem großen finanziellen und auch gesellschaftlichen Erfolg über die Bühne gingen. Bis zur Feier des 25-jährigen Bestehens des Vereins am 21. August 1904 wurde es natürlich nichts mit der Fertigstellung der Halle, deren Bau im März des Jahres begonnen worden war. Trotzdem war das neue Domizil auch bei der Jubiläumsfeier schon Thema: „Der Bau am Schlagbachweg hat bereits gute Fortschritte gemacht und dürfte nach Fertigstellung zur Zierde unserer

Stadt gereichen“, schrieb damals die Idsteiner Zeitung. 116 Jahre hat die Turnhalle am Rande der Idsteiner Altstadt gestanden. Am 13. September dieses Jahres ist sie bis auf die Grundmauern abgebrannt und wurde mittlerweile abgerissen. Ja, geturnt wurde in dem Bauwerk. Aber es gab immer wieder Zeiten, in denen es für die Idsteiner keine Möglichkeit gab, der körperlichen Ertüchtigung nachzugehen, weil die Umstände es gar nicht zuließen. Schon recht bald nach der Einweihung der Halle brach der Erste Weltkrieg aus. Auch die Besatzungszeit nach 1918 durch die Franzosen (bis 1925) und die Engländer (bis 1927) ließ der Bevölkerung nicht viel Freiraum für sportliche Aktivitäten.

Immerhin war die 1905 eingeweihte Halle bereits diezweite Turnhalle in der Stadt. Die erste, erbaut vom anderen Sportverein, der „TG 1844“,wurde schon am 11. Juni 1893 eingeweiht – an der Stelle der Limburger Straße, an der heute die moderne Sporthalle der Pestalozzischule steht. Auch die Geschicke der beiden Idsteiner Sportvereine, der Turn-gemeinde 1844 und der Turngesellschaft 1879, die sich einst von der älteren Turngemeinde abgespalten hatte, sind stets eng miteinander verknüpft gewesen. So eng, dass sie im Jahr 2008 wieder in einem Verein, dem TV 1844 Idstein, zusammenfanden. Der war es auch, der die historische Turnhalle nach der Fusion an ihren neuen Eigentümer, die Idsteiner Baufirma Dietmar Bücher, verkaufte.

Auch die dritte historische Idsteiner Turnhalle, die 1908 auf dem Gelände des Kalmenhofs errichtet worden war, gibt es nicht mehr. Sie wurde im vergangenen Jahr abgerissen, weil sie für den Betrieb von Vitos Teilhabe nicht mehr nutzbar war. Immerhin hatten die Idsteiner Turnvereine zur Zeit der Besatzung nach dem Ersten Weltkrieg, die mit einer Sperrung der Turnhallen einherging, die Kalmenhof-Halle für ihren Übungsbetrieb nutzen können.

Ein neuer Bebauungsplan muss beschlossen werden

Am Ende jedoch hatte die alte TSG-Halle auch schon länger ausgedient. Jahrelang stand sie leer, war in der letzten Zeit auch schon mehr oder weniger entkernt, von Strom- und Wasserversorgung abgekoppelt gewesen, was im Falle des Brandes im September gut war. Immer wieder hatten Nachbarn beobachtet, dass sich kleine Gruppen Jugendlicher Zutritt in das leer stehenden Gebäude verschafft hatten. Offensichtlich kam es bei einer solchen „Zusammenkunft“ in der Halle am 13. September zum Ausbruch des Feuers, das das Gebäude, das 2005 noch einmal saniert und mit einem Anbau versehen worden war, komplett zerstörte.

Die Firma Bücher, die das Gebäude im Jahr 2016 erworben hatte, ist bereits seit Längerem im Gespräch mit der Stadt über eine neue Nutzung des Geländes. Auf dem 924 Quadratmeter großen Grundstück an der heutigen Escher Straße soll zukünftig Wohnraum entstehen, heißt es von dem Unternehmen. Dafür muss jedoch zunächst einmal ein Bebauungsplan genehmigt werden.

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