Wenn das Herz Sport macht

Wiesbadener Kurier vom 2.10.2019
Auch nach und trotz Krankheit ist Aktivität möglich und nötig – ein Einblick in spezielle Kursangebote

Wer Probleme mit dem Herzen hat, kann Sport machen, darf es aber nicht übertreiben. Archivfoto, Foto: dpa

Von Nils Salecker
MAINZ. Bernd W. (65) macht schon immer Sport, quasi seitdem er laufen kann. Lange Zeit spielte er Fußball und Tischtennis. Per Zufall, als Teilnehmer einer Studie, wurde bei ihm Herzkammerflimmern entdeckt. Die Diagnose veränderte sein Leben, war aber auch ein Glücksfall. „Sonst wäre ich wahrscheinlich irgendwann einfach umgefallen.“ Es folgte die Reha, dann bekam er auf Rezept Herzsport verschrieben: ein Sportangebot für Menschen mit Herzkomplikationen, akuten Krankheiten oder chronischen Leiden.
344000 Menschen starben deutschlandweit 2017 an Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Die Zahl ist zwar innerhalb der vergangenen Jahre gesunken, Krebs hat Herzinfarkte und Schlaganfälle als häufigste Todesursache abgelöst. Klar ist dennoch: Ist das Herz-Kreislauf-System erstmal betroffen, mindert das meist die Lebensqualität. An Sport ist für viele erst einmal nicht zu denken.

Dabei ist dieser gerade nach oder mit solchen Komplikationen besonders wichtig. An der Stelle kommen Herzsport-Angebote ins Spiel. InMainz gibt es bei Vereinen wie „Gesundheit für alle“ (Gfa) oder Sportvereinen, beispielsweise der TGM Gonsenheim (vier Kurse), solche Angebote. „Wir sind ein Verein, mit dem man alt werden kann“, wirbt Heribert Weber, Sprecher des Gfa. Der Verein existiert seit 1985, stellt in Mainz das größte Angebot an Herzsport und arbeitet dabei mit der Unimedizin zusammen. An den aktuell elf Kursen nehmen derzeit etwa 220 Herzsportler teil. Die meisten auf Geheiß ihrer Krankenkassen, andere, wie Bernd W. wurden nach den verschriebenen Einheiten Mitglied. Er will sich und seinem mit Metallröhrchen bestückten Herz etwas Gutes tun. „Das ist Lebensqualität“, sagt der 65-Jährige.

Zwei mal pro Woche nimmt er an den Herzsport-Kursen des Gfa teil. Die Übungen reichen von leichten Laufeinheiten, Koordinationsspielen bis hin zu Volleyball oder Federball, Sportarten mit relativ geringer Intensität. Aktiv, aber nicht zu intensiv, das ist das Credo der Kurse. Fußball beispielsweise wäre zu intensiv. „Wir gehen ganz vorsichtig vor und versuchen, die Angst zu nehmen, Sport mit Herzproblemen zu machen“, erzählt Lisa Schnab, die den Montagabend-Herzsport-Kurs des Gfa in der Doppelhalle der Johannes-Guten-berg-Universität leitet.

Den Körper beanspruchen, ohne das Herz zu überlasten

Der Altersschnitt der Gruppe liegt deutlich jenseits der 60, ansonsten ist sie sehr heterogen, reicht von Teilnehmern, die schon lange regelmäßig Sport betreiben, bis zu jenen, die erst nach ihrer Krankheit damit anfangen. „Wir versuchen, eine Basis für alle zu finden“, sagt Schnab.
Bernd W. ist eher die Ausnahme, geht außerhalb der Kurse auch noch laufen. Er kann und will nicht ohne Sport, muss aber aufpassen, es nicht zu übertreiben. Den Körper beanspruchen, ohne das Herz zu überlasten: kein allzu breiter Grat. Zwischen den Übungen wird „gepulst“, mit dem Finger am Handgelenk die Pulsschläge zehn Sekunden lang gezählt, das Ergebnis der Runde präsentiert. Wer zu hoch liegt, muss langsamer machen. Bei den anderen ist alles paletti. Auch die Blutdruckmessung vor Beginn des Kurses ist obligatorisch.

Ein Arzt ist stets dabei – ebenso der Defibrillator

Ansonsten deutet auf die Vorgeschichten der Teilnehmer kaum etwas hin. Bei genauerem Hinsehen fällt dann aber doch der etwas ältere Herr auf der Bank in der Ecke auf. Mit einer Zeitung in der Hand wirkt er teilnahmslos. Aber «r ist da. Und genau darin liegt seine Aufgabe. Dr. Müller (Name geändert) ist Mainzer Arzt im Ruhestand. Einmal pro Woche wohnt er einem Herzsport-Kurs des Gfa bei. „Weil es sonst keiner machen will“, ist Müller ehrlich. Und: Weil es jemand machen muss. Denn ohne ärztliche Betreuung darf Herzsport überhaupt nicht stattfinden. Der Gesetzgeber verlangt das. Für den Ernstfall. Einen erlebt hat Müller zwar noch nicht, doch der Defibrillator steht immer parat. Ein Problem für Herzsport-Anbieter ist, dass es von Müllers Sorte zu wenige gibt. Im vergangenen Jahr sprang dem Gfa ein Arzt ab, der sechs Kurse betreut hatte. Zwischenzeitlich mussten Kurse ausfallen oder zusammengelegt werden. Auch die TGM Gonsenheim bestätigt auf Anfrage, dass es bei ihr an Ärzten mangelt, um weitere Kurse anzubieten. Einige Patienten müssen sich vorerst mit einer Warteliste begnügen.
Hoffnung, dass Sanitäter als Betreuer zugelassen werden.

„Ein flächendeckendes Problem“, weiß Gfa-Vorsitzender Dr. Michael Kläger, befürchtet, dass die steigende Nachfrage künftig nicht mehr gedeckt werden kann. „Es ist verständlich, dass die meisten Ärzte für die Betreuung keine Zeit haben“, sagt Kläger. Der Verein baut mittelfristig deshalb auf die Unterstützung des Gesetzgebers, hofft, dass zeitnah auch Sanitäter für die Betreuung von Herzsport-Gruppen zugelassen werden. Bis dahin sind Vereine wie der Gfa und Herzsportler wie Bernd W. auf Altruisten wie Dr. Müller angewiesen.


Auch beim TV Idstein wird seit Jahren Herzsport angeboten. Zurzeit bestehen 4 Gruppen, eine fünfte Gruppe ist geplant.
Unter der Aufsicht eines Arztes wird Herzsport betrieben. Auch ein Defibrillator steht bereit, um im Notfall zum Einsatz zu kommen. Das Gerät kann jeder bedienen. Bei den einzelnen Herzsportgruppen kann über den Infobutton abgerufen werden, für wen diese Gruppe jeweils geeignet ist.
Hier geht es zu den Angeboten.

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