„Wer soll das bezahlen?“

Wiesbadener Kurier vom 30.08.2022
Energiekostenanstieg bringt Sportvereine vor dem Winter ins Schwitzen

Von Stephan Neumann
WIESBADEN/RHEINGAU-TAUNUS.

Energie einsparen und gleichzeitig die sich anbahnenden exorbitanten Preissteigerungen wuppen – für die Sportvereine ist das nicht nur eine Herausforderung, es kann sich – je nach weiterer Entwicklung – auch zu einem Problem ausweiten, das den Fortbestand einzelner Clubs ins Wanken bringen könnte. Mitgliederbeiträge anheben, um teure Gas- und Stromkosten abzufedern, das dürfte wohl das letzte Mittel sein. Doch es führt wohl kein Weg mehr dabei’. Mittelfristig sind „20 Prozent Energiekosten einsparen“, das hat die Stadt Wiesbaden als Ziel ausgerufen. Das betrifft Gas und Strom in Verbindung mit Wasser. Und gleichzeitig ein Maßnahmenpaket vorlegt. Quasi mit Absichtserklärungen, noch nicht mit Verfügungen wie während der heißen Corona-Phasen.

„Ohne Komfortverzicht wird es nicht gehen”: „Nach zwei Jahren Pandemie möchten wir mit allen Möglichkeiten versuchen, unsere Sportanlagen nicht erneut zu schließen. Aus diesem Grund müssen wir als Sportlerinnen und Sportler erneut zusammenrücken, denn ohne Komfortverzicht wird es leider nicht gehen“, heißt es in einer Mitteilung des Wiesbadener Sportamts an die Sportvereine.

Der Rheingau-Taunus-Kreis wird diese Woche einen Maßnahmenplan präsentieren, bestätigt Marittä Borhauer von der Pressestelle des Kreises. Bei den Einsparungen, die den Sport betreffen, dürfte es um die Warmwasserversorgung in Hallen gehen, die möglicherweise

eingestellt wird, daneben um leichte Temperaturabsenkungen in Hallen und Kabinen.
Generell gilt es, auch die technischen Gegebenheiten und die Ausstattung in einzelnen Sportstätten zu berücksichtigen. Der Wiesbadener Sportamtsleiter Karsten Schütze kündigt Informationen für die Vereine an, geht davon aus, dass es „von Halle und zu Halle und von Platz zu Platz“ unterschiedliche Maßnahmen geben kann. Was Vereine mit Flutlichtanlagen betreffe, liege es im eigenen Interesse der Vereine, Energiekosten einzusparen. Überhaupt müssten sich die Vereine vorbereiten, sagt Helmut Fritz. Der Wiesbadener Sportkreis-Vorsitzende formuliert drastisch: „Das Wichtigste ist, mit dem Schlimmsten zu rechnen.“ Keiner könne zum jetzigen Zeitpunkt abschätzen, wie sich die Situation im Herbst und Winter tatsächlich darstelle, führt Fritz an. Im Gegensatz zu Finanzkrise und Corona werde jetzt wohl alles auf den Verbraucher umgelegt. Wie das in privaten Bereich’und in den Vereinen zu stemmen sei, wisse er nicht. „Und ich weiß auch nicht, wer das bezahlen soll“ Wo doch die meisten Vereine mit ihren Liegenschaften und Räumlichkeiten am Gasnetz oder der Fernwärme hängen würden. Markus Jestaedt, Sportkreis-Chef im Rheingau-Taunus, rät bei allen zu treffenden Einsparmaßnahmen dazu, „kühlen Kopf zu bewahren“ und abzuwägen, was sinnvoll ist.

Schützenclub befürchtet Zahlungsschwierigkeiten: Einer besonderen Situation ist der Schützenclub Rot-Weiß Wiesbaden mit seinen in etwa zehn Meter Tiefe gelegenen Räumlichkeiten in der Erich-Ollen-hauer-Straße ausgesetzt. „Wir müssen dort

heizen, damit uns die Einrichtung nicht verfault. Diese Heizung erfolgt mittels einer Erdgasheizung. Bedingt jedoch durch die Preiserhöhung kommen wir in Zahlungsschwierigkeiten. Das kann dazu führen, dass wir den Schießstand schließen müssen. Wir befürchten dann den Austritt vieler Mitglieder, womit die Auflösung des Vereins folgen kann“, schlägt Norbert Gottlob Alarm, der 25 Jahre Vorsitzender war, jetzt dem Verein als Ehrenvorsitzender weiter verbunden ist. Von 250 Euro auf über 500 Euro habe der Versorger den monatlichen Abschlag für Energiekosten ab 1. Oktober angehoben, erläutert er.
An den Mitgliederbeiträgen wolle man aber nicht rütteln, führt Gottlob an: „Außerdem hat sich unser Vorsitzender zurückgezogen, weil er befürchtet hat, dass er bei Haftungsfragen belangt werden könnte. Was da mit den Energiekosten auf uns zurollen kann, ist vielleicht schlimmer als die Coronapandemie, wenn die Politik nicht hilft.“ Wobei es generell Fördermittel für vereinseigene Anlagen gibt. Die Dimension der Energiekostensteigerung sei damit aber nicht aufzufangen, sagt Gottlob in der Hoffnung auf Unterstützung durch öffentliche Mittel.

Trotz sorgenvoller Ausblicke bleibt bei Helmut Fritz das Wissen um den hohen Stellenwert der 214 Wiesbadener Sportvereine. Der Sportkreis wirbt nun sogar auf einem Eswe-Bus dafür, einem Verein beizutreten.

Aufrufe: 98