Wieviel vom Sport geht kaputt?

Wiesbadener Kurier vom 05.02.2021
Vereine und Mediziner schlagen Lockdown-Alarm: Existenzen und Gesundheit bedroht / Kindern fehlt Bewegung

Von Frank Hellmann
MAINZ. Felix Neureuther war bekannt dafür, im Stangenwald viel zu wagen. Einer der bekanntesten deutschen Skifahrer ist auch nach der Karriere noch ausgesprochen mutig, indem er massiv Kritik am Verhalten der Politik übt, „sich nur auf Home-schooling zu konzentrieren“ und dabei den Sport komplett außer Acht zu lassen. Der 36-Jährige befürchtet „enorme Auswirkungen“ aufgrund der Pandemie nicht nur auf den Nachwuchs im Leistungssport, sondern vor allem auch im Breitensport.

Wann wird das wieder möglich sein? Zusammenhalt, Spaß und Bewegung im Sportverein. Foto: imago

„Was mich am meisten ärgert, ist, dass die Politik noch nicht so weit ist, dass sie erkennt, wie wichtig Bewegungsförderung für unsere Kinder ist“, sagte der ARD-Experte kürzlich in der BR-Sendung Blickpunkt Sport. Nach Studien der Weltgesundheitsorganisation WHO treiben 84 Prozent der Jugendlichen in Deutschland zu wenig Sport, mehr als die Hälfte der Schüler zwischen sieben und 14 Jahren haben Haltungsschäden. Neureuther fragt als Familienvater: „Was wird gerade für die Bewegung getan? Nichts!“

Zahl der Jugendlichen, die vor Bildschirmen sitzen, steigt

Die Zahl derjenigen Jugendlichen, die täglich mehr als acht Stunden vor den Bildschirmen verbringen, sei auf 25 Prozent gestiegen ist. Andere Studien sprechen sogar schon von 45 Prozent, die so lange vor TV, Konsole, Computer oder Smart-phone beschäftigen. „Wenn das so weitergeht, dann Herzlichen Glückwunsch Deutschland. Dann werden unsere Kinder nicht gesund in die Zukunft gehen“, warnt Neureuther. Von einer „Generation C“ ist mittlerweile die Rede, die für den aktiven Sport verloren geht.

Wie überhaupt den 90000 Sportvereinen der zweite Teil-Lockdown deutlich mehr zu schaffen macht als die ersten Einschränkungen. Nach einer Untersuchung der Deutschen Sporthochschule Köln befürchtet jeder zweite Verein in den kommenden zwölf Monaten eine existenzbedrohende Lage. „Je länger Sportvereine ihrem Zweck nicht nachkommen dürfen, desto schwächer wirken sie als stabilisierendes Element der Gesellschaft. Es geht sozialer Kitt verloren, der gerade in einer individualisierten Zuwanderungsgesellschaft von Bedeutung ist“, sagte Studienleiter Christoph Breuer.

Die vom Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB) geförderte Studie legt den Finger in die Wunde. Während der Profisport dank weitgehend aufwändiger Hygienekonzepte und nicht zuletzt auch seinen politischen Verbindungen grünes Licht für den Fortbetrieb erhalten hat, muss der Amateursport ruhen. Nicht jedem ist dieser Widerspruch einleuchtend zu vermitteln.

„Je länger Sportvereine ihrem Zweck nicht nachkommen dürfen, desto schwächer wirken sie als stabilisierendes Element der Gesellschaft. Es geht sozialer Kitt verloren, der gerade in einer individualisierten Zuwanderungsgesellschaft von Bedeutung ist“, sagte Studienleiter Christoph Breuer.

Die vom Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB) geförderte Studie legt den Finger in die Wunde. Während der Profisport dank weitgehend aufwändiger Hygienekonzepte und nicht zuletzt auch seinen politischen Verbindungen grünes Licht für den Fortbetrieb erhalten hat, muss der Amateursport ruhen. Nicht jedem ist dieser Widerspruch einleuchtend zu vermitteln.
DOSB-Präsident Alfons Hörmann sieht generell in diesem Jahr ein schwieriges Szenario , “egal ob für den Spitzensport oder den Breitensport”. Es herrscht “bildlich gesprochen an vielen Stellen Bewegungslosigkeit
keit. Der Sport befinde sich „sozusagen in einer gewissen Form von Sippenhaft wie auch die Kultur oder andere Bereiche“ Der DOSB-Chef weiß, dass die Politik auf einem schmalen Grat unterwegs sei, aber unter dem Strich stehe eine „unbefriedigende Situation“. Der Sport kann seine Aufgaben für Integration, Inklusion und soziales Miteinander nicht ausüben. Hörmann kann nur an die rund 27 Millionen Vereinsmitglieder appellieren, solidarisch zu bleiben und nicht auszutreten. Den Wert der Vereine als „soziale Tankstellen“ gelte es unbedingt zu bewahren, denn: „Nach der Pandemie wird’s drauf ankommen, das gesellschaftliche Leben durch das ehrenamtliche Engagement wieder zu unterstützen“.

Aber wie viel ist zuvor vielleicht irreparabel kaputtgegangen? Mit Sorge betrachtet Dr. Kurt Mosetter den Bewegungsmangel, der sich schon vor Ausbruch von Covid-19 wie eine ansteckende Krankheit verbreitet hat. Vier von zehn Kindern litten schon vor Corona an chronischen Schmerzen, drei von zehn Kindern nahmen regelmäßig Medikamente ein. Der Leiter des Zentrums für interdisziplinäre Therapie (ZiT) in Konstanz berichtet von Kindern und Jugendlichen „mit Kopfschmerzen, mit Bauchschmerzen, mit Migräne, mit Tourette-Syn-drom“, die sich vermehrt in Behandlung begeben würden.
„Es gibt auch immer mehr Betroffene mit Essstorungen, Dickleibigkeit, Diabetes, oder ADHS. Auch Überaktivität und Aggressivität spielen eine größere Rolle, wenn die Familie längere Zeit unfreiwillig auf engem Raum zusammen sein muss“, erklärt der 56-Jährige, der an einem Punkt eindringlich die Tonlage verschärft: „Wenn die Kinder keinen Sport machen, kann der Bewegungsmangel die Triebfeder sein, dass sie zu viel und falsch essen. Der innere Rhythmus geht verloren.“ Ein Teufelskreis. Aus Sicht des Mediziners braucht es mehr Öffentlichkeit für das Problem.

Der Freiburger Kreis, die Interessensvertretung der 180 größten deutschen Amateur-Sportvereine, fordert daher eine Perspektive. „Die Strategie kann nicht sein, darauf zu warten, bis wir alle geimpft sind“, heißt es. Einfach alle Sportangebote zu verbieten, sei nach fast einem Jahr Pandemie nicht mehr zeitgemäß. Es müsse eine differenzierte Betrachtungsweise her. Viele Vereine vermissen die Öffnungsperspektive, vermehrt fühlen sich Übungsleiter nach einem Vierteljahr Stillstand zermürbt. Denn auch die besten Online-Angebote ersetzen nicht den echten Sport vor Ort.

Aufrufe: 73